Eine Krebserkrankung mit vielen Gesichtern

Prof. Dr. med. Christoph Driessen ist Chefarzt der Klinik für Onkologie und Hämatologie am Kantonsspital St. Gallen. Seit rund 30 Jahren behandelt er Menschen mit Multiplem Myelom, einer seltenen, aber schweren Krebserkrankung des Knochenmarks. Neben seiner klinischen Arbeit ist er auch in der Forschung tätig und entwickelt neue Therapieansätze. Im Interview spricht er über den Verlauf der Krankheit, moderne Behandlungsmöglichkeiten und die Herausforderungen im Gespräch mit Betroffenen. | Noémie Aeschlimann
Was können Sie uns allgemein über die Krankheit Multiples Myelom sagen?
Das Multiple Myelom ist ein bösartiger Tumor des Immunsystems. Genauer gesagt betrifft es eine besondere Gruppe von Immunzellen: die Plasmazellen. Diese Zellen leben normalerweise im Knochenmark und sind dafür zuständig, Antikörper zu produzieren, also die Eiweisse, die uns gegen Infektionen schützen. Wenn diese Plasmazellen entarten und zu Tumorzellen werden, spricht man vom Multiplen Myelom. «-om» bedeutet Tumor, «Multipel» steht dabei für «vielfach», «Myelon» bedeutet «das Mark» und bezieht sich auf das Knochenmark, in dem die Tumore entstehen.
Die Erkrankung äussert sich auf unterschiedliche Weise: Sie kann das Immunsystem stark unterdrücken, was zu häufigen Infektionen führt. Gleichzeitig können die Tumorzellen Substanzen freisetzen, die die Knochensubstanz angreifen und es kommt zu Löchern in den Knochen oder gar zu Brüchen, vor allem an der Wirbelsäule. Zudem geben die entarteten Plasmazellen Eiweisse ab, die die Nieren belasten und zu Nierenschäden führen können. Weil die Tumorzellen das Knochenmark zunehmend ausfüllen, wird die normale Blutbildung gestört, wodurch Betroffene manchmal Bluttransfusionen benötigen.
Wer ist vom Multiplen Myelom betroffen?
Das Multiple Myelom tritt überwiegend im höheren Lebensalter auf, die Mehrheit der Patientinnen und Patienten ist bei Diagnosestellung älter als 60 oder 65 Jahre. In der Schweiz leben derzeit etwa 2’000 Menschen mit dieser Form von Blutkrebs. Die Lebenserwartung der Betroffenen hat sich in den letzten Jahren deutlich verbessert. Dank moderner, wirksamer Therapien können viele Patient:innen heute über lange Zeit mit der Erkrankung leben, und wahrscheinlich können wir einen Teil dieser Patient:innen sogar heilen.
Wichtig zu wissen: Das Multiple Myelom ist keine vererbbare Krankheit. Zwar beruhen die Veränderungen in den Plasmazellen auf Fehlern im Erbgut, diese entstehen jedoch zufällig und werden nicht an Kinder weitergegeben und stammen auch nicht von den Eltern.
Wie wird die Diagnose gestellt und welche Tests/ Analysen werden durchgeführt?
Zur Diagnose des Multiplen Myeloms sind mehrere Schritte notwendig, um ein möglichst genaues Bild der Erkrankung zu erhalten. Zunächst werden Blutuntersuchungen durchgeführt. Dabei kann man manchmal bereits die Myelomzellen oder bestimmte Eiweisse, sogenannte Paraproteine, nachweisen. Anschliessend erfolgt eine Knochenmarkuntersuchung, bei der gezielt nach den entarteten Plasmazellen gesucht wird. Wenn diese Zellen in grosser Zahl vorhanden sind und typische Veränderungen im Aussehen zeigen, spricht das klar für ein Multiples Myelom.
Ergänzend wird eine bildgebende Untersuchung der Knochen durchgeführt. Ziel ist es, festzustellen, ob die Erkrankung bereits Schäden an der Knochensubstanz verursacht hat, beispielsweise Löcher oder beginnende Brüche. Zudem prüft man mit weiteren Labortests die Organfunktionen, vor allem die Nieren. Nicht zuletzt spielt das ärztliche Gespräch eine zentrale Rolle: Patient:innen werden gezielt nach aktuellen Beschwerden gefragt, zum Beispiel nach häufigen Infekten, Knochenschmerzen oder allgemeiner Abgeschlagenheit. All diese Informationen zusammen ermöglichen eine fundierte Diagnosestellung.
Wie teilen Sie Ihren Patient:innen die Ergebnisse mit?
Diese Diagnosegespräche gehören zu den anspruchsvollsten Situationen im ärztlichen Alltag. Viele Menschen kommen zu uns, weil sie sich vielleicht etwas müde fühlen oder wegen unspezifischer Beschwerden. Sie rechnen nicht damit, dass sie an einer bösartigen Erkrankung wie dem Multiplen Myelom leiden könnten. Umso gravierender ist die Wirkung, wenn wir ihnen mitteilen müssen, dass eine schwere Krankheit vorliegt. Die Diagnose verändert alles: den Alltag, die Zukunftspläne, das Lebensgefühl.
Deshalb ist es besonders wichtig, die Information mit Einfühlungsvermögen, Geduld und Klarheit zu übermitteln. Es braucht Erfahrung, um die Balance zu finden zwischen Ehrlichkeit und Hoffnung, denn beides ist wichtig. Wir versuchen den Betroffenen Raum zu lassen, um Fragen zu stellen, Gefühle zu zeigen und das Gehörte zu verarbeiten. Die Diagnose ist meist nur der Anfang eines Weges, den wir gemeinsam gehen.
Wie leiten Sie Gespräche über die Behandlung mit den Patient:innen ein?
Ich versuche, den Menschen als Ganzes wahrzunehmen und zu verstehen, wie ich ihm oder ihr die komplexen Informationen so erklären kann, dass er oder sie damit etwas anfangen kann. Manche wollen jedes Detail wissen, andere lieber zuerst das grosse Ganze. Es geht darum, Vertrauen aufzubauen. Eine wichtige Grundlage ist Vertrauen. Nur wenn ein Vertrauensverhältnis entsteht, kann ich gemeinsam mit dem Patienten oder der Patientin einen Behandlungsweg planen, der nicht nur medizinisch sinnvoll ist, sondern auch zur jeweiligen Lebenssituation passt. Dazu gehört auch, offen über Nebenwirkungen und Unsicherheiten zu sprechen und dass wir bereit sind, den Plan anzupassen, wenn sich etwas verändert.
Welche Erwartungen haben Sie in Bezug auf die Patientenbetreuung in der Zukunft?
Ich glaube, dass wir bereits heute viele Werkzeuge in der Hand haben, um unsere Patient:innen deutlich besser zu betreuen als noch vor einigen Jahren. Die modernen Therapien ermöglichen es, das Multiple Myelom bei vielen Menschen so gut zu kontrollieren, dass sie über Jahre ein weitgehend normales Leben führen können. In bestimmten Fällen ist sogar denkbar, dass nur eine einzige Therapielinie ausreicht, um die Krankheit langfristig in Schach zu halten, das wäre vor zehn Jahren undenkbar gewesen.
Die Betreuung wird dabei immer individueller: Wir schauen genau, welche Therapie zur jeweiligen Person passt, medizinisch, aber auch im Hinblick auf persönliche Lebensumstände. Ich wünsche mir, dass wir künftig noch stärker interdisziplinär arbeiten, zum Beispiel gemeinsam mit Hausärzt:innen, Pflegefachpersonen, Psychoonkolog:innen und Sozialdiensten. Denn nur im Team können wir der Komplexität dieser Erkrankung gerecht werden und den Menschen wirklich in den Mittelpunkt stellen.
Die Ansichten und Meinungen von Prof. Dr. med. Christoph Driessen spiegeln nicht unbedingt die Ansichten von Johnson & Johnson wider. Die Unabhängigkeit der Meinung des Experten wurde vollständig gewahrt.
Diese Broschüre wurde mit Unterstützung der Janssen-Cilag AG, a Johnson & Johnson company, Gubelstrasse 34, 6300 Zug, erstellt / CP-530451_10/2025
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